Das Leben wirkt mehr als die Lehre

(Sprichwort aus Deutschland)

Veröffentlichungen in Medien

Mein Monat mit Hartz4 Selbstversuch

Südkurier Sebastian Pantel, Südblog 10. Oktober 2010

"Drittes Beispiel"

Karin Glaser hat viel versucht. Es ist fast unverständlich, warum sie immer noch nicht der Mut verlassen hat. Im Gegeneil: Die resolute Frau, Anfang 60, Hamburgerin in Überlingen, sprüht vor Ideen und Tatkraft. Ihr Traum: Sich aus Hartz IV heraus wieder selbstständig zu machen, als Kommunikationsberaterin, Moderatorin, Mediatorin (www.glaserkommunikation.de). Die Möglichkeiten dafür sind begrenzt, das System will Arbeitslose in Festanstellungen vermitteln, so zumindest die Idee. Nach Jahren mit Hartz IV gibt es keine Starthilfen mehr, keine Kredite bei den Banken, wenig Glauben an das Können bei Auftraggebern. Ein Loch mit teuflisch glatten Wänden, Hochklettern fast ausgeschlossen.

Karin Glasers Optimismus ist hart erkämpft. “Alles definiert sich über Geld, die ganze Gesellschaft”, sagt sie. Wer keins hat, ist raus. Freunde versuchen, den Eindruck von Mitleid und Unverstännis zu vermeiden. Karin Glaser selbst sagt: “Ich habe keine Lust mehr auf Almosen.” Sie will arbeiten. Unbedingt.

“Ich gehe in Überlingen zur Tafel”, sagt sie. “Da treffe ich viele, viele Hartz-IV-Empfänger, denen es geht wir mir.” Intelligente Leute, Leute mit Ideen, die auf einem Abstellgleis parken. Die im “Land der Ideen” niemanden mehr finden, der sich ihre Ideen anhören will.

Karin Glaser zum Beispiel will Veranstaltungen organisieren, Menschen zusammenbringen, Diskussionen anregen - mit Event-Charakter, mit kontroversen Themen, mit konträren Gesprächspartnern. Es bräuchte Starthilfe, um das auszuprobieren - die will ihr aber bisher niemand gewähren. Das Amt sagt: “Wenn Sie nachweisen können, dass Sie damit Geld verdienen, dann können wir über Zuschüsse reden.” Diese Katze beißt sich in den Schwanz, es ist wie in einer dieser absurden Kafka-Geschichten. “Es ist so schwer sich zu beherrschen, dass das Klagen nicht zum Lebensmittelpunkt wird”, sagt Glaser. Das innere Sich-Klein-Machen greift die Psyche an.

“Warum gibt’s eigentlich keine Interessengruppe für Arme und Arbeitslose?” fragt Karin Glaser. Eine verblüffend einfache Frage. Gewerkschaften, Lobbygruppen, Arbeitgebervertreter sitzen oft mit am Tisch, wenn die Entscheidungen getroffen werden. Warum keine Gewerkschaft der Wertlosen? Das klingt jetzt klassenkämpferisch, ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur so - und da ist er wieder, der Satz, den bisher alle Betroffenen in der einen oder anderen Formulierung gesagt haben: “Keiner der Entscheider hat das je erlebt. Die sind nicht kompetent, darüber zu sprechen und zu entscheiden.”

 

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GePetZt Sonderausgabe
Oktober 2010

Sichtweisen

Interview mit Karin Glaser (Durch klicken vergrößern).